Zur Hauptnavigation springen Zur Suche springen Zum Inhalt springen
RSSPrint

Hagar-Skulptur


Die Hagar-Skulptur von Karl Knappe
ein Abguss des Originals in der Christophoruskirche

Text: Pfarrerin Christine Pohl

Seit Mai 2013 befindet sich in der Christophoruskirche an der Fürbittstätte ein kleines Kunstwerk mit einer bewegenden Geschichte. 
Die Bronze-Skulptur wurde 1923 von Karl Knappe (1884-1970), einem süddeutschen Künstler, geschaffen.
Sie stellt die ägyptische Magd Hagar dar, deren Name die „Schöne“ / die „Flüchtende“ bedeutet. Ihren Sohn Ismael („Gott hat deine Not gehört“) trägt sie auf dem Arm. Ihre Geschichte wird im 1.Buch Mose erzählt. 
Dargestellt ist der Moment, in dem sie von Sara und Abraham mit ihrem Kind in die Wüste getrieben und dem Tod ausgeliefert wird. 
Ursprünglich befand sich das Werk in der Staatsgalerie Stuttgart.
1937 wurde es von den Nationalsozialisten zu Propagandazwecken beschlagnahmt und in der Wanderausstellung „Entartete Kunst“ bis 1939 gezeigt. Seine Spur verliert sich gegen Ende des Zweiten Weltkrieges.
Erst im Jahr 2010 wurde es bei Bauarbeiten vor dem Roten Rathaus aus dem Erdreich geborgen.
Zum Abschluss der Restaurierungsarbeiten erwarb die Gemeinde Siemensstadt 2013 einen Abguss des Originals, gefertigt von Thomas Knaak, Berlin.
&nbpsp;

 

Der Künstler

Der Bildhauer, Medailleur und Glasmaler Karl Knappe wurde 1884 in Kempten als Sohn des Staatsanwalts Wilhelm Knappe geboren und wuchs in Bamberg auf.
Nach seiner Ausbildung in München arbeitete er kurzzeitig in Berlin und Dresden. Seit 1930  lehrte er in München als Professor für Bildhauerei.
Unter dem Eindruck der Neuen Künstlervereinigung München (Marianne Werefkin, Wassily Kandinsky, Franz Marc, August Macke, Paul Klee u.a.) fand er zu seiner eigenen expressionistischen Formensprache. Knappe verband eine christlich inspirierte Naturmystik mit Wurzeln des katholischen Volksglaubens und Brauchtums.
1933 wurde Knappe von den Nazis als „Kulturbolschewist“ beschimpft und mittels Berufsverbots aus dem Lehramt der TU München entfernt.
Im kirchlichen Raum führte er weiterhin Aufträge aus.
Nach dem Krieg wurde Knappe rehabilitiert und schuf zahlreiche Mosaiken, Glasfenster und Skulpturen für kirchliche Auftraggeber.

 

Die Propaganda-Ausstellungen „Entartete Kunst“ in verschiedenen Städten

Bereits das NSDAP-Parteiprogramm von 1920 forderte den „ Kampf gegen eine Kunst- und Literaturrichtung, die einen zersetzenden Einfluss auf unser Volksleben ausübt “. Der Begriff „Entartung“ war bereits im 19. Jahrhundert  aus dem Bereich der Medizin und Psychiatrie in den Kultur-Diskurs übertragen worden.
Nach 1933 wurden sog. „Schreckenskammern“ eingerichtet, in denen moderne Kunst diffamiert und geschmäht wurde. Zu diesem Zweck wurden Kunstwerke aus Museen beschlagnahmt, so auch Karl Knappes Hagar-Skulptur.  In der daraus hervorgegangenen Wanderausstellung „Entartete Kunst“ wurde sie in Hamburg, Stettin, Halle, Waldenburg, Chemnitz, Frankfurt a. M., Wien und Weimar gezeigt.
Nach Ende der Ausstellung wurden viele Kunstwerke gegen Devisen ins Ausland verkauft. Nicht so Karl Knappes Werk.

Die Auffindung des Kunstwerkes

Die Bronzefigur ist Teil des „Berliner Skulpturenfundes“, der im Jahr 2010 weltweit für Aufsehen sorgte. 16 Kunstwerke der Moderne, die als  verschollen galten, tauchten bei Grabungen auf dem ehemaligen Gelände der Königstraße 50 aus dem Erdreich auf. Sie waren teilweise stark beschädigt, mit Mörtel und Dreck verkrustet, verrußt, patiniert.
Mit Hilfe einer Datenbank der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ an der Freien Universität, in der mehr als 21 000 Kunstwerke der Moderne erfasst sind, konnten sie identifiziert und in ihrer Bedeutung erfasst werden.

Der Fundort

In Räumen des 3. oder 5. Stockwerkes der Königstraße 50, heute Rathausstraße, befand sich ein offizielles Depot des Reichspropagandaministeriums. Ein Brief an die Reichspropagandaleitung vom 14.8.1942 belegt, dass „ Material der Ausstellung („Entartete Kunst“) in den ersten Tagen des Monats September in den Lagerraum des Ministeriums (für Propaganda) in Berlin, Königstraße 50 angeliefert “ wurde.
Bei der Bombardierung des Hauses im Sommer 1944 breitete sich nach Augenzeugenberichten der Brand von oben nach unten aus. Der Brandschutt, samt nichtbrennbarer Gegenstände, sammelte sich in den Ecken der Keller. Nach weiteren Bombardierungen stürzten Teile der äußeren Ziegelwände ein und verfüllten die Keller vollständig. 
Das Haus gehörte bis 1942 der Jüdin Edith Steinitz, geb. Gadiel. Mieter des Hauses waren u. a. Erhard Oewerdieck und seine Frau, die unter Einsatz ihres Lebens jüdischen Mitbürger_innen geholfen haben. Dafür wurde das Ehepaar Oewerdieck  von der Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt.
1950/51 wurde die Königstraße an der Oberfläche enttrümmert. Die Kunstwerke waren in Vergessenheit geraten.

Die Hagar-Erzählungen in der Bibel

In den Kapiteln 16 und 21 des 1.Buch Mose wird über die Erzmutter Hagar, knapp gesagt, folgendes erzählt:
Da Sarah, Abrahams Frau, keine Kinder gebären konnte, überredete sie Abraham, ihre ägyptische Leibsklavin Hagar zur Nebenfrau zu nehmen. Die schwangere Hagar entdeckte ihre Würde als werdende Mutter und geriet mit Sarah in Konflikt. Abraham, der Mann zwischen Beiden, wich aus und ließ Sarah gewähren. Verzweifelt floh Hagar in die Wüste und begegnete am Brunnen einem Boten Gottes, von dem sie hörte: Kehr zurück zu deiner Herrin und ertrage ihre Härte. Du wirst einen Sohn gebären, und du sollst ihn Ismael nennen, denn Gott hat auf deine Not gehört.   Sie bekennt: Du bist ein Gott, der mich sieht . Seither trägt der Brunnen den Namen El Roi (= Gott der mich sieht).
Hagar brachte Ismael zur Welt. Auch Sarah wurde schwanger und gebar Isaak. Damit verschärfte sich der Konflikt. Es ging um das Erbrecht der beiden Söhne. Wieder wurde Hagar in die Wüste getrieben. In ihrer Todesangst hörte sie erneut die Stimme Gottes und wurde zu dem rettenden Brunnen geführt. So wuchs Ismael zu einem kräftigen Bogenschützen heran, der sich in der Wüste Paran (arabische Halbinsel) niederließ. Er heiratete eine Frau aus Ägypten und gilt als der Stammvater der Muslime.

Die Bedeutung im Islam

Zwar wird Hagar im Koran nicht erwähnt, dennoch spielt sie in der muslimischen Tradition eine geachtete Rolle. Die Mekka-Pilger laufen siebenmal zwischen den Hügeln al-Safa und al-Marwa hin und her und trinken anschließend aus dem Brunnen Zamzam, um an Hagar und Ismael zu erinnern. Im Koran (Sure 2,121) erscheint Ismael gemeinsam mit seinem Vater Abraham bei der Grundsteinlegung des Heiligtums der Kaaba in Mekka.

Mit der Hagar-Skulptur verbindet sich der Wunsch nach einem Dialog der Religionen. Bewusst ist deshalb der Platz unterhalb des Christophorusfensters gewählt.

Verwendete Literatur:  

Der Berliner Skulturenfund, Schnell+Steiner 2013
Deutsche Bildhauer 1900-1945, Hans Köster Verlagsbuchhandlung 1992
Vortrag in der Christophoruskirche von Dr. Benedikt Goebel, Stadthistoriker, 2013